Integration leben, Kulturen vernetzen


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Die Vernetzung der Kulturen und das Zusammenwachsen der Gesellschaft sieht Talip Kavlak als Aufgabe, für die er sich in Beruf und Alltag engagiert.


Der Lehrer Talip Kavlak investiert seine Energie in die Arbeit mit Jugendlichen. Er sieht sich selbst als Brückenbauer zwischen Menschen verschiedener Kulturen.   

Ich war ein auffälliges Kind“, sagt Talip Kavlak. Wer den 32-jährigen Crailsheimer entspannt am Tisch sitzen sieht, hat Zweifel an dieser Aussage. Die Vorstellung vom schwierigen Schüler will so gar nicht zum in sich ruhenden Erwachsenen passen, der da im Lehrerzimmer der Eichendorffschule sitzt.


Heute weiß Talip Kavlak: „Ich war die typische gespaltene Persönlichkeit. Nicht richtig türkisch, nicht richtig deutsch. Ich denke und spreche deutsch, aber mein Name, meine Tradition, mein Zuhause, das ist türkisch.“ Dabei sagt er heute: „Eigentlich wurde ich fast deutsch erzogen, mit den gleichen menschlichen Werten Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Offenheit, sich einsetzen für die Gesellschaft und an ihr teilhaben.“ Einige Schulwechsel und einige engagierte Lehrer später – und vor allem mit einem deutschen Pass in der Tasche, für den er sich ganz bewusst entschieden hat, um für sich ganz persönlich klare Fakten zu schaffen – tritt er sein Studium zum Lehrer an.

Zurück an die „Traumschule“

„Mein Vater hat immer gesagt, Bildung ist ein Türöffner und diesen Schlüssel möchte ich weitergeben“, erklärt er seine Entscheidung, an die Hauptschule zu gehen und Kindern zu helfen, die heute in der gleichen Situation sind, wie er damals. Über Umwege kam er zurück nach Crailsheim, an seine „Traumschule“, wie er lächelnd zugibt, die Eichendorffschule.

Doch nicht nur dort setzt er sich aktiv dafür ein, Integration zu leben und die Kulturen zu vernetzen, sondern er verquickt dieses Engagement mit seinem Alltag. Auch in der Moschee engagiert er sich aktiv, vor allem dafür, die Sprachbarriere zu überwinden, die so oft ein Hindernis für besseres Verständnis ist.

Predigten übersetzt

Vor sechs Jahren hat er deshalb angefangen, Predigten in der Moschee auf Deutsch zu übersetzen, weil er merkte, dass viele Kinder und Jugendliche mit den Predigten auf Türkisch und Arabisch Schwierigkeiten hatten. „Zuerst war der Unmut groß, aber die Rückmeldungen waren so gut. Die Kinder hörten plötzlich zu, und seitdem hat sich das etabliert“, sagt er und erzählt, dass viele Predigten mittlerweile schon in der deutschen Übersetzung von Ditib (türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion) kommen.

Dieser Umstand freut ihn genauso, wie die Zusammenarbeit mit dem Crailsheimer Stadtarchivar und dem Pfarrer in Altenmünster zu Gelegenheiten, wie etwa dem Volkstrauertag. „Wir brauchen Verbundenheit auf Augen­höhe. Deshalb sehe ich mein ehrenamtliches Engagement als Brückenbauen. Eine Parallelgesellschaft kann sich keiner leisten“, betont er. Dafür nimmt er sich Zeit, auch wenn er als berufstätiger vierfacher Vater genug auf seinem Terminplan stehen hat. „Meine Frau trägt das alles mit. Sie ist mein Rückhalt. Ohne ihre Unterstützung und die Unterstützung meiner Eltern wäre vieles nicht möglich.“ 

Auch deshalb ist er in der Schule, aber auch in der Gemeinde der Moschee gerne Ansprechpartner für Schüler und vor allem Eltern, wenn es um Nachhilfe, Schulwahl, Berufsfindung oder einfach Schulprobleme geht. Dabei hilft ihm, wie gut er in der Stadt vernetzt ist. Egal, ob im Sportverein, der Kirchengemeinde, der Moschee oder in seinem Stadtteil, Talip Kavlak, oder Talip Ali, also Bruder Talip kennt jeder.

Name Kavlak ist bekannt

Heute weiß er, dass es genau diese Vernetzung ist, die ihm erlaubt hat, mit seiner Identität klarzukommen. „Ich stelle den Identitätskonflikt zur Diskussion, ohne politisch zu werden, einfach auf ganz persönliche Gefühle und den Alltag bezogen“, versucht er zu erklären, wie er an die Jugendlichen herantritt. Geholfen hat ihm dabei das Bild der Pflanze, mit dem er den Jugendlichen beschreibt, wo der Weg hinführen kann: „Deine Wurzeln sind türkisch, doch die Pflanze wächst und gedeiht in Deutschland. Deshalb ist es besser, sich auf die Luft, die Sonne und das Wetter dort einzustellen.“

Nach dieser Devise lebt seine ganze Familie. Auch seine Geschwister sind in der Stadt sehr engagiert und der Name Kavlak bekannt. Dass politisches Engagement nicht seine Baustelle ist, hat Talip Kavlak allerdings recht früh gemerkt und deshalb seine Energie in die Arbeit mit Jugendlichen investiert, denn dort gilt seiner Meinung nach der gleiche Ansatz: „Wenn man etwas ändern will, dann muss man aktiv sein. Sich nur beschweren reicht nicht.“

Quelle: Hohenloher Tagblett |  | 16.05.2017


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